Was ist Tanztherapie eigentlich?

In einem der letzten Blogartikel hab ich schon ausführlich geteilt, warum „ich kann nicht tanzen“ kein Argument ist 😉 (lies gerne hier nach: https://bewegtesinnenleben.at/ich-kann-nicht-tanzen/)

Aber, to be honest, auch ich hadere manchmal mit der Berufsbezeichnung, weil so viele, alleine durch das Wort „Tanz“ so abgeschreckt sind und angeblich sofort wissen, dass das nichts für sie ist. Denn nochmal, mit Tanz, so wie wir das landläufig einordnen, hat Tanztherapie meist ziemlich wenig zu tun. Dazu lege ich dir auch den Artikel: Muss ich in der Tanztherapie tanzen? sehr ans Herz.

Warum heißt sie dann überhaupt Tanztherapie?

Die Wurzeln der Tanztherapie liegen tatsächlich im Tanz.

Viele ihrer Pionierinnen waren Tänzerinnen, die sich bewusst vom klassischen Ballett und seinem Leistungsdenken abgewendet haben. Sie wollten den Tanz wieder zu dem machen, was er ursprünglich einmal war: eine Sprache des Menschen, eine Sprache, lange bevor wir Worte hatten.

Eine der bekanntesten Pionierinnen war Trudi Schoop https://de.wikipedia.org/wiki/Trudi_Schoop . Nach ihrer Karriere als Tänzerin arbeitete sie in einer psychiatrischen Klinik. Dort begegnete sie Menschen, die oft kaum mehr sprechen konnten oder keinen Zugang zu ihren Gefühlen fanden.

Anstatt sie zu fragen, was in ihnen vorging, (was oft auch gar nicht möglich war), begann sie, ihre Bewegungen wahrzunehmen. Sie spiegelte ihre Haltung, ihren Rhythmus, ihre Körpersprache. Sie ging mit ihnen in körperliche Resonanz.

Und plötzlich entstand Beziehung. Aber eben nicht über Worte, sondern über Bewegung.

Unser Körper erzählt Geschichten

In der Tanztherapie gehen wir davon aus, dass unser Körper Erfahrungen speichert.

Nicht als bewusste Erinnerung, sondern als Bewegungsmuster, Spannungen, Haltungen, Atemrhythmen oder Gewohnheiten.

Viele dieser Erfahrungen entstanden lange bevor wir sie in Worte fassen konnten.

Ein Säugling kennt keine Sprache, aber sein Körper kennt Berührung, Geborgenheit, genauso wie Überforderung und Stress.

Unser Körper vergisst diese Erfahrungen nicht. Sie werden Teil unseres impliziten Körpergedächtnisses und prägen oft noch Jahrzehnte später, wie wir Beziehungen gestalten, Grenzen setzen, Vertrauen entwickeln oder mit Belastungen umgehen. https://bewegtesinnenleben.at/wenn-gefuehle-auftauchen-die-keinen-namen-haben/

Genau deshalb reicht es manchmal nicht aus, etwas zu verstehen. Man kann sehr genau wissen, warum man immer wieder in die selben Muster fällt und ist trotzdem nicht fähig, anders zu reagieren – warum?: weil die Erfahrung fehlt.

Bewegung macht Unsichtbares sichtbar

Ein weiterer Ursprung der Tanztherapie liegt in der genauen Beobachtung von Bewegung.

Der Choreograf Rudolf von Laban erkannte, dass Bewegung nicht zufällig geschieht. Menschen bewegen sich nach bestimmten Mustern. Manche wirken direkt, andere zögerlich. Manche leicht, andere kraftvoll. Manche kontrolliert, andere frei.

Diese Muster erzählen etwas darüber, wie wir mit der Welt in Beziehung treten.

Deshalb ist Bewegung in der Tanztherapie nicht nur Ausdruck, sie ist gleichzeitig auch ein diagnostisches Werkzeug:

Nicht, um Menschen in Schubladen einzuordnen, sondern um besser zu verstehen, was ihr Körper bereits erzählt, lange bevor Worte auftauchen.

Ist Tanztherapie also einfach Bewegung?

Nein.

Und genau darin liegt ihre Besonderheit.

Die Bewegung selbst kann bereits heilsam sein. Sie bringt den Körper wieder ins Spüren. Sie hilft dabei, eingefrorene Muster langsam zu lösen. Sie eröffnet neue Erfahrungen.

Doch Tanztherapie bleibt dort nicht stehen.

Sie verbindet verschiedene Ebenen miteinander:

  • den Körper,
  • Bewegung,
  • Musik und Rhythmus,
  • Wahrnehmung,
  • Beziehung,
  • die Analyse von Bewegung,
  • und schließlich auch Sprache und Reflexion.

Was zunächst körperlich erlebt wird, bekommt später Worte. Und was vorher vielleicht nur ein diffuses Gefühl war, wird langsam verstehbar.

Zwischen Körper und Psyche gibt es keine Grenze

Lange Zeit dachte die Medizin in getrennten Bereichen.

Hier der Körper – dort die Psyche. Und vielleicht noch irgendwo der Geist.

Heute zeigt uns die Neurobiologie immer deutlicher, dass diese Trennung künstlich ist.

Unser Nervensystem, unsere Gefühle, unsere Gedanken und unser Körper beeinflussen sich ununterbrochen gegenseitig.

Jede Erfahrung hinterlässt körperliche Spuren.

Und jede körperliche Erfahrung wirkt wiederum auf unsere Psyche zurück.

Genau in diesem Zwischenraum bewegt sich Tanztherapie.

Sie fragt nicht zuerst: “Was denken Sie?”

Sie fragt ebenso:

  • Wie atmet Ihr Körper?
  • Wo halten Sie Spannung?
  • Wie bewegen Sie sich?
  • Wo wird etwas eng?
  • Wo entsteht Lebendigkeit?

Muss man dafür tanzen?

Nein.

Viele meiner Klientinnen und Klienten tanzen in keiner einzigen Stunde so, wie sie sich Tanz vorstellen würden.

  • Manchmal beginnt Veränderung damit, das Gewicht von einem Fuß auf den anderen zu verlagern.
  • Mit einem bewussteren Atemzug.
  • Mit einer kleinen Bewegung der Hände.
  • Mit dem Mut, den eigenen Platz im Raum einzunehmen.
  • Oder mit dem ersten ehrlichen Nein, das der Körper ausdrücken darf.

Tanztherapie ist deshalb für mich weit mehr als Tanzen.

Sie ist eine Form der Körperarbeit, die den fehlenden Baustein zu psychischer Gesundheit liefert und ergänzt.

Ich durfte schon oft erleben, dass Heilung dort beginnt, wo der Körper endlich erzählen darf, was Worte allein nie ausdrücken konnten.