Oder: Wie der Tanz mich gefunden hat
Ich habe schon immer getanzt.
Zimmertür zu. Musik auf – und los!
Es ist nicht so, dass ich das irgendwo gelernt hätte, oder dass ich groß Inspiration von außen gehabt hätte. Der Tanz ist einfach zu mir gekommen – nicht ich zum Tanz.
Woher das kam, weiß ich bis heute nicht genau. Es gab nichts Künstlerisches in meinem Umfeld, weder familiär noch sonst irgendwie. Keinen Tänzer, keine Choreografin, kein Vorbild aus dieser Welt. Und trotzdem war da dieser Traum: ich wollte unbedingt Choreografin werden…ich hab sogar einmal zur Zeitschrift Bravo geschrieben, wie man denn diesen Beruf erlernen kann.
Angeblich hat mich meine Mama mit vier oder fünf Jahren in der Ballettschule angemeldet. Beim ersten Mal wollte ich aber nicht hingehen und somit hat sie mich wieder abgemeldet
Ich hätte gerne „so richtig“ tanzen gelernt, aber vielleicht war das auch mein Glück.
Ein Raum ohne Bewertung
Ich war ein eher schüchternes, sensibles Kind. Gefühle hatten nicht immer Platz und zu meiner Kindheit Wut schon gar nicht. Ich habe dieses: „Sei nicht so empfindlich.” noch ziemlich gut im Ohr.
Also habe ich für all das, was da so in mir war, einen anderen Ausdrucksort gesucht: Mein Kinderzimmer.
Die Tür war zu. Die Musik laut. Niemand hat zugeschaut. Niemand hat bewertet.
Heute würde ich sagen: Es war mein Safe Space. Ein Ort, an dem ich mich regulieren konnte – lange bevor ich wusste, was Regulation überhaupt bedeutet. Ein Ort, an dem Tanz nie Technik war, nie Leistung, nie etwas, das gemessen werden musste. Da war einfach nur ich, in meiner Welt.
Als Bewertung ins Spiel kam
Umso mehr hat es mich getroffen, als ich später erlebt habe, wie sehr unsere Welt von Bewertung geprägt ist.
Plötzlich wurde eingeordnet, verglichen, beurteilt.
Gut oder schlecht.
Schnell oder langsam.
Richtig oder falsch.
Ich glaube, ich kannte das bis dahin nicht wirklich – zumindest nicht in dieser Form. Und es hat mich getroffen. Tief.
Bewertung lässt mich bis heute eher kleiner werden als wachsen. Ich ziehe mich zusammen, passe mich an und verliere den Kontakt zu dem, was eigentlich in mir lebendig ist.
Vielleicht ist mir deshalb ein Raum ohne Bewertung so wichtig geworden.
Warum ich keine klassische Tänzerin geworden bin
Lange habe ich damit gehadert, keine professionelle Tanzausbildung gemacht zu haben. Keine Technik. Kein Ballett. Nicht einmal besonders gut gedehnt.
Heute sehe ich es anders.
Weil Tanz für mich nie in einen Leistungskatalog hineingepresst wurde, ist er immer meiner geblieben. Mein persönliches Ausdrucksmittel. Ohne Wertung. Ohne Zensur.

Und genau deshalb begegne ich heute so vielen Menschen, die sagen:
„Das würde mich interessieren – aber ich kann das nicht.”
Dieser Satz berührt mich jedes Mal. Weil er so vertraut ist. Und weil ich weiß: Dieses „Ich kann das nicht” ist nicht die Wahrheit. Es ist das Ergebnis einer Welt, die kreative Ausdrucksmittel nicht einfach stehen lässt – sondern bewertet.
Dabei ist Tanz im Grunde genau das Gegenteil: kein Abliefern, kein Leisten. Sondern Inneres nach außen bringen dürfen. Ohne dass es schön, gerade, schnell oder irgendwie genug sein muss.
Wenn Worte nicht ausreichen
Obwohl ich Sprache liebe – und sehr gerne mit ihr spiele – habe ich oft erlebt, dass Worte nicht alles ausdrücken können.
Manchmal sind sie zu eng für das, was wir fühlen.
Manchmal zu groß.
Manchmal missverständlich.
Der Körper kennt oft schon etwas, bevor wir es erklären können.
Vielleicht ist das einer der Gründe, warum mich Tanztherapie so angesprochen hat. Sie ermöglicht Begegnung auf einer Ebene, auf der nicht alles verstanden oder benannt werden muss.
Und irgendwann habe ich gedacht: Wenn mir das so gut tut – dann muss das doch auch anderen gut tun.
Vielleicht habe ich damals gedacht, ich müsste die Tanztherapie erfinden.
Es stellte sich heraus: Sie existierte schon 😉
In Teil 2 kannst du nachlesen, warum ich den Weg übers scheitern gehen musste um zu meiner Identität als Tanztherapeutin zu finden.
Wie ich heute Tanztherapie verstehe
Ich glaube nicht, dass Menschen repariert werden müssen.
Ich glaube, dass in jedem Menschen bereits etwas vorhanden ist, das den Weg kennt. Manchmal braucht es nur einen sicheren Raum, damit es wieder spürbar werden kann.
Einen Ort, an dem man sich ausdrücken darf, ohne bewertet zu werden.
Einen Ort, an dem man nichts leisten muss.
Einen Ort, an dem man sich selbst wieder begegnen kann.
So wie ich damals hinter der geschlossenen Kinderzimmertür.
