Vertraue deiner Intuition

Ich habe meiner Intuition lange nicht besonders vertraut. Obwohl, eigentlich stimmt das nicht. Ich schon, aber sobald ich mich erklären musste, fing ich an, mich ziemlich blöd zu fühlen:

Intuition fühlte sich für mich manchmal beinahe wie eine Flucht an. Wie ein Ausweichen auf etwas Unbestimmtes, weil ich es verstandesmäßig nicht so schnell fassen konnte, wie aus dem Bauch heraus. Fast so, als würde ich damit eingestehen, dass ich nicht intelligent genug bin, um eine Sache wirklich zu durchdenken.

Heute sehe ich das anders.

Und ich möchte sogar für etwas werben, das mir lange nicht selbstverständlich war:

Vertrau deiner Intuition.

Nicht blind. Nicht anstelle deines Verstandes. Sondern mindestens mit derselben Offenheit, mit der du auch deinem verstandesmäßigen Wissen begegnest.

Denn auch das, was wir denken und wissen, ist immer nur ein Ausschnitt.

Intuition ist nicht das Gegenteil von Verstand

Wir sprechen häufig vom Gegensatz zwischen Kopf und Bauch.

Der Kopf steht für Vernunft, Logik und Wissen. Der Bauch für Gefühl, Ahnung und Intuition.

Ich glaube, diese Gegenüberstellung so nicht stimmt.

Intuition ist nicht einfach das, was übrig bleibt, wenn der Verstand versagt – Sie kann selbst eine Form von Wissen sein.

Eine liege Kollegin hat mir damals während meiner Abschlussprüfung in München ganz positiv zugesprochen: Intuition fällt nicht vom Himmel – auch sie bildet sich.

Sie entsteht auch aus dem, was wir gelernt und erfahren haben. Unser Gehirn verarbeitet dabei Informationen und Muster, ohne dass uns jeder einzelne Verarbeitungsschritt bewusst sein muss. Gerade in Bereichen, in denen wir viel Erfahrung gesammelt haben, kann daraus ein sehr schnelles Erkennen entstehen. Wir wissen etwas, bevor wir genau sagen können, wie wir darauf gekommen sind.

Das kennen wir aus vielen Lebensbereichen.

Eine erfahrene Tänzerin sieht eine Bewegung und erkennt unmittelbar, dass etwas nicht stimmt. Ein Arzt bemerkt an einem Patienten eine Veränderung, die ihm zunächst schwer zu erklären ist. Eine Mutter spürt, dass mit ihrem Kind etwas anders ist, obwohl sie noch nicht sagen kann, woran sie es festmacht.

Das ist nicht automatisch richtig – Aber es ist auch nicht automatisch irrational.

Intuition kann gelerntes und erfahrenes Wissen sein, das uns nicht vollständig bewusst zugänglich ist.

Und genau deshalb können wir sie entwickeln.

Wir können lernen, unsere Wahrnehmung feiner werden zu lassen. Wir können Erfahrungen sammeln. Wir können unseren Körper kennenlernen. Wir können beobachten, wie sich ein echtes Ja in uns anfühlt und wie ein Nein. Wir können merken, wann wir uns öffnen und wann wir uns zurückziehen.

Intuition ist damit nicht das Gegenteil von Lernen – Sie ist unter anderem ein Ergebnis von Lernen.

Warum vertrauen wir unserem Kopf oft mehr?

Ich glaube, dass wir darin gesellschaftlich geprägt sind.

In unserer Bildung wird belohnt, was sich begründen, herleiten und überprüfen lässt. Wir lernen, Antworten zu geben und Argumente zu liefern. Was wir nicht erklären können, wirkt schnell weniger seriös.

Das hat seinen Sinn. Wissenschaft braucht Nachvollziehbarkeit und Überprüfbarkeit.

Nur folgt daraus nicht, dass alles, was wir nicht messen oder sofort erklären können, wertlos ist.

Und schon gar nicht folgt daraus, dass unser Verstand immer die bessere Entscheidungsinstanz wäre.

Denn wie viel wissen wir tatsächlich über die Situationen, in denen wir Entscheidungen treffen?

Wir kennen einen Teil der Fakten. Wir kennen unsere bisherige Geschichte. Wir können Szenarien durchdenken und Wahrscheinlichkeiten abschätzen.

Aber wir kennen nie alle Bedingungen.

Wir wissen nicht, wie sich eine Beziehung entwickeln wird. Wir wissen nicht, welche Begegnung uns verändern wird. Wir wissen nicht, welche Entscheidung in einem Jahr noch richtig für uns sein wird.

Wir entscheiden immer mit unvollständigen Informationen.

Und manchmal versuchen wir, diese Unsicherheit dadurch zu beruhigen, dass wir noch mehr denken.

Noch eine Information, nochmal eine Nacht abwägen aller Möglichkeiten, sammeln weiterer Argument,…

Bis wir das Gefühl haben, endlich genügend Kontrolle zu besitzen, um eine sichere Entscheidung treffen zu können.

Nur: Diese Sicherheit gibt es nicht.

Wir können viele Entscheidungen erst im Nachhinein beurteilen.

Und selbst dann wissen wir nicht, was aus einer anderen Entscheidung geworden wäre.

Das bedeutet nicht, dass wir nicht sorgfältig überlegen sollen.

Es bedeutet, dass wir aufhören dürfen, von unserem Verstand etwas zu verlangen, was er gar nicht leisten kann: Gewissheit über eine komplexe Zukunft.

Und was ist mit dem Bauch?

Hier kommt für mich die Intuition ins Spiel.

Wenn mein Kopf sagt:

„Dafür spricht doch alles.“ und in mir gleichzeitig etwas sagt: „Nein.“, dann möchte ich dieses Nein nicht mehr einfach wegargumentieren.

Ich möchte ihm zuhören.

Nicht, weil mein Bauch automatisch recht hat, sondern weil auch dort Informationen liegen können, die ich mit meinem bewussten Denken noch nicht erfasst habe.

Das bedeutet für mich einen wichtigen Perspektivwechsel:

Ich frage nicht mehr nur:

„Kann ich begründen, warum ich das will?“ Sondern auch: „Was weiß mein Körper darüber?“

Und dann beginnt etwas Interessantes.

Denn je besser ich meinen Körper kenne, desto besser kann ich auch unterscheiden.

Ein Engegefühl kann Angst sein, aber auch eine Grenze aufzeigen.

Ein Kribbeln kann Aufregung sein, oder Angst, oder Vorfreude, oder…

Wenn ich mich Impulsiv zurückziehen möchte, kann das aus einer alten Erfahrung kommen; Es kann aber genauso gut bedeuten, dass mir eine Situation tatsächlich nicht guttut.

Der Körper liefert uns also nicht immer eine fertige Übersetzung, aber Informationen. Und ich glaube, wir tun gut daran, diese Informationen nicht vorschnell abzuwerten.

Mein Bauchgefühl hat mich noch nie getäuscht?

Diesen Satz höre ich manchmal, doch ich würde ihn heute so nicht mehr unterschreiben. Mein Bauchgefühl hat mich schon manchmal getäuscht.

Und dein Bauchgefühl kann dich auch täuschen. Aber daraus folgt für mich nicht, dass wir unserer Intuition weniger vertrauen sollten als unserem Verstand.

Denn auch unser Verstand täuscht sich.

Wir überschätzen unsere Fähigkeiten. Wir übersehen Informationen. Wir erinnern uns falsch. Wir suchen nach Bestätigung für das, was wir ohnehin glauben. Wir treffen Entscheidungen auf der Grundlage unvollständiger Daten.

Unser rationales Denken ist kein unfehlbares Instrument.

Warum also verlangen wir ausgerechnet von unserer Intuition diese Unfehlbarkeit, bevor wir ihr vertrauen?

Ich würde es anders formulieren:

Vertraue deiner Intuition. Und lerne sie kennen.

  • Denn wenn du weißt, wie sich Angst in deinem Körper anfühlt, kannst du sie anders einordnen.
  • Wenn du deine alten Muster kennst, kannst du sie von einer gegenwärtigen Wahrnehmung besser unterscheiden.
  • Wenn du weißt, wie sich Anpassung bei dir anfühlt, bemerkst du eher, wann dein vermeintliches Ja eigentlich ein Nein ist.

Und wenn du deinen Körper lange genug beobachtest, kannst du mit der Zeit auch Erfahrungen damit sammeln, wann deine Intuition dich gut geführt hat.

Das ist für mich keine Aufforderung, weniger kritisch zu werden.

Es ist eine Aufforderung, die eigene Kritikfähigkeit auf alle Formen des Wissens anzuwenden.

Intuition ist eine Form von emotionaler Intelligenz

Intuition ist nicht das Eingeständnis, dass mir die Argumente fehlen.

Sie kann Ausdruck einer Fähigkeit sein, Informationen auf eine Weise wahrzunehmen und miteinander zu verbinden, die nicht vollständig bewusst abläuft.

Und diese Fähigkeit kann wachsen.

So wie wir unseren Verstand bilden, können wir auch unsere Wahrnehmung bilden.

Wir können lernen, unseren Körper besser zu spüren. Wir können Erfahrungen reflektieren. Wir können uns fragen, wann wir etwas bereits einmal erlebt haben und wann etwas wirklich neu ist. Wir können unsere Reaktionen ernst nehmen, ohne sie sofort zu einer Wahrheit zu erklären.

Das ist für mich heute eine Form von Selbstvertrauen:

Nicht zu glauben, dass alles, was ich spüre, richtig ist.

Sondern darauf zu vertrauen, dass es sich lohnt, dem, was ich spüre, zuzuhören.

Und damit sind wir bei den Grenzen

Eine Grenze beginnt nicht immer mit einem klaren Gedanken. Manchmal weiß der Körper schon früher:

Hier möchte ich nicht weiter.

Wir bemerken eine Veränderung in der Atmung. Wir werden enger. Wir ziehen uns zurück. Etwas in uns sagt Nein, während der Kopf noch Gründe sammelt, warum wir eigentlich Ja sagen sollten.

Wenn wir unserem Körper grundsätzlich misstrauen, übergehen wir diese Signale leicht. Dann brauchen wir für ein Nein erst eine Begründung.

Wir wollen sicher sein, dass wir „wirklich“ einen Grund haben, ob unsere Wahrnehmung objektiv genug ist.

Aber für eine persönliche Grenze brauche ich nicht immer einen objektiven Beweis. Ich darf wahrnehmen, dass etwas für mich nicht stimmt. Und ich darf dieser Wahrnehmung nachgehen. Das bedeutet ja nicht, dass ich jeden Impuls sofort in eine Handlung umsetzen muss.

Es bedeutet zunächst nur:

Ich nehme mich ernst.

Vielleicht ist genau das der Anfang von Intuition.

Nicht das magische Wissen um die richtige Entscheidung, sondern die Bereitschaft, wieder wahrzunehmen, was in mir geschieht. Und meinem eigenen Erleben einen Platz am Tisch zu geben.

Lust auf mehr zum Thema? Im nächsten Artikel gehe ich auf die Gründe ein, warum wir unserer Intuition so oft misstrauen