Wenn scheitern tanzen lernt

und was mir das Scheitern über Würde beigebracht hat…

Teil 2: Mein Weg zur Tanztherapeutin

Ich bin schon oft gescheitert.

Aufnahmeprüfungen nicht bestanden. Abschlussprüfungen nicht bestanden. Oft genug gehört: nicht gut genug. Anträge abgelehnt. Vereinbarungen gebrochen. Türen, die sich geschlossen haben, obwohl ich sicher war, dass sie aufgehen würden.

Und manchmal auch: an mir selbst gescheitert. An meinen eigenen Ansprüchen, meinen eigenen Erwartungen, meinem eigenen Bild davon, wer ich sein sollte.

Auch mein Weg zur Tanztherapeutin ist gezeichnet von Momenten des Scheiterns, der Rückschläge, von Umwegen und erneutem Aufstehen – hier hat mein Scheitern tanzen gelernt.

Lange Zeit dachte ich, Scheitern sei etwas, das man überwinden müsse. „Krone richten, aufstehen, weitergehen” – dieser Satz klang nach Stärke, nach Mut und Kraft. Aber etwas in mir fühlte sich dabei nie wirklich gesehen. Denn zwischen dem Hinfallen und dem Wiederaufstehen gibt es einen Raum, der selten Beachtung findet:

Das Dazwischen.

Das Dazwischen – wo es weh tut und echt wird

Scheitern tut weh.

Es kratzt am Selbstbild, weckt Scham, Wut, Traurigkeit. Und unsere Kultur kennt viele Strategien, diesen Schmerz möglichst schnell zu übertünchen: positiv denken, weitermachen, sich auf das Gute konzentrieren.

Aber manchmal braucht es genau das Gegenteil.

Nicht das „Weiter”, sondern das Bleiben.

Bleiben bei dem, was weh tut.

Bleiben in der Enttäuschung.

Bleiben in der Leere.

Bleiben im Nicht-weiter-Wissen.

Wenn ich heute im Tanztherapieraum arbeite, sehe ich diesen Moment oft körperlich. Das Zusammenfallen, das Sinken, das Innehalten. Bewegungen, die das Scheitern sichtbar machen. Und ich erkenne sie – weil ich sie selbst kenne. Am eigenen Körper.

Denn Scheitern im Körper zuzulassen bedeutet, Kontrolle aufzugeben. Sich nicht länger zu verstecken hinter Leistung, Anpassung oder Stärke. Es ist der Moment, in dem der Körper die Wahrheit spricht – manchmal mit Tränen, manchmal mit einem tiefen Atemzug, manchmal mit einer kaum merklichen Bewegung.

Was mir das Gegenteil gelehrt hat

Mein Weg zur Tanztherapie hatte sehr viel mit Identität zu tun. Mit der Frage: Wer bin ich? Wie möchte ich Menschen begegnen? Und auch: Wer möchte ich nicht sein?

Interessanterweise habe ich unglaublich viel durch das Gegenteil gelernt.

Durch Erfahrungen, bei denen ich innerlich gespürt habe:

So bin ich nicht. Das bin ich nicht. So möchte ich nicht sein.

Ich habe erlebt, wie schnell Menschen bewertet, interpretiert, in Richtungen gedrängt werden können. Wie leicht andere glauben können, zu wissen, wo jemand hinmuss.

Ich habe gespürt, was es mit einem Menschen macht, wenn das Verletzlichste, das er zeigt, nicht gehalten wird.

Wenn Würde keine Rolle spielt.

Mein Nervensystem hat das alles registriert. Lange bevor ich Worte dafür hatte.

Und irgendwo in diesem Schmerz ist etwas in mir sehr klar geworden: So nicht.

Das war keine Niederlage. Das war – auch wenn ich das damals noch nicht so sehen konnte – eine Lehrmeisterin der besonderen Art.

Nicht jedes Scheitern erzählt die Wahrheit

Manchmal sind wir nicht an unserem Wert gescheitert, sondern an den Grenzen eines anderen Menschen.

Manchmal nicht an unserer Unfähigkeit, sondern an einem Kontext, der keinen Raum ließ für das, was wir wirklich sind.

Scheitern ernst zu nehmen bedeutet deshalb nicht, jedes Urteil über uns selbst anzunehmen. Es bedeutet, still genug zu werden, um zu unterscheiden:

Was gehört wirklich zu mir?

Und was darf ich zurückgeben, weil es nie meines war?

Denn nicht jedes Scheitern erzählt die Wahrheit über uns.

Ich hatte das Glück, das mir viele zugesprochen haben, dem Scheitern meines Tanztherapieweges nicht das letzte Wort zu lassen. Also hab ich mich noch einmal auf den Weg gemacht und wurde unglaublich reich beschenkt. Aber leicht war es nicht. Mich noch einmal ausliefern, beurteilen lassen, bestehen müssen… Was, wenn ich noch einmal scheitere? Wie viel Scham erträgt man eigentlich?

Ich habe eine 2. Chance bekommen:

Ich durfte zeigen, was ich kann – und wurde darin gesehen. Nicht bewertet. Nicht korrigiert. Sondern wirklich wahrgenommen.

Ich habe gespürt, was es bedeutet, wenn Fachlichkeit und Würde zusammen im Raum sind. Wenn Menschen einander tragen statt konkurrieren. Wenn Ermutigung keine leere Geste ist, sondern aus echter Begegnung entsteht.

Heute kann ich aus vollem Herzen sagen:

Umwege erhöhen die Ortskenntnis. Lass dich nicht entmutigen. Vielleicht kommt doch der Zeitpunkt an dem es heißt: aufstehen, Krönchen richten (oder dich aufrichten lassen) und los gehts…

Danke Susanne und Barbara – das Ezetthera ist eine wirkliche Heimat: wo persönliches bewegt sein, Fachlichkeit und Würde zusammen im Raum sind <3