Ich kann nicht tanzen…

  „Ich kann nicht tanzen“ höre ich mindestens so oft, wie: ich kann nicht singen oder ich kann nicht zeichnen. Komisch, nur bei den kreativen Ausdrucksmitteln wissen wir offensichtlich genau, dass wir uns da nicht zeigen dürfen, denn das ist nicht gut genug.  Natürlich liegt es auch in der Natur der Dinge: Kreativität ist Ausdruck – ich zeige mich und zwar nicht nur etwas von mir, sondern mich. Daher ist es ja eigentlich auch eine gesunde Schutzfunktion: die Scham, die sich meldet um vor Beschämung zu schützen. Und gleichzeitig verhindert sie den Zweck des Ausdrucks: gesehen werden, erkannt werden, verstanden werden,… inneres Erleben nach außen bringen. Nicht gut genug zu sein, in diesem Wesensausdruck ist also viel mehr als: da hab ich kein Talent, oder das liegt mir nicht so; es ist das zum Schweigen bringen, das Verstecken hinter perfekter Fassade deines Innenlebens.  Ob wir ohne Kreativität – ohne Ausdruck – auch durchs Leben kommen? Natürlich. Aber nicht lebendig, sondern funktional;  Es ist ein schleichender Tod, den unser innerer Ausdruck im Laufe des Lebens erleidet. Zumindest bei den meisten von uns. Und immer wieder lande ich bei der Scham – oder besser: bei der Beschämung!  Beobachte einmal den Umgang unserer Gesellschaft mit der Lebendigkeit, der Ausdruckskraft unserer Kinder: zu laut, zu unangepasst, zu wild; im ständigen Vergleich untereinander – und fast immer gibt es jemanden, der es besser macht, als du. Nicht dein Ausdruck zählt, nicht dein Bestes wird gesehen, sondern in allem brauchen wir Kategorien, Leistungsbeurteilungsbögen, es gibt EIN Richtig und meist auch ein Falsch – ev. auch etwas dazwischen, aber das zählt dann schon wieder nicht ganz: entweder – oder! Und das Ziel ist immer die Perfektion, das Ideal. Ich habe bisher auch nur solche Menschen kennengelernt: entweder nicht gut genug, oder so über allem stehend, dass auch außer Frage steht, dass das dahinterstehende nicht-gut-genug viel zu schmerzhaft zu spüren wäre.  Ich kann nicht tanzen ist für mich also genau das: zu Tode verglichener Perfektionsanspruch. Der natürlichste Ausdruck, mit dem wir als Menschen auf die Erde kommen: nämlich Bewegung, wird durch Perfektion und in Form gepresstes: so ist es richtig, so ist es schön, so hat es auszusehen, verwandelt: von Ausdruck zu Maske, zu Starre, zu beklemmender Monotonie und Gleichmacherei. Ausdruck ist Identität Ausdruck und somit Kreativität ist aber nicht nur eine nettes Hobby: Ausdruck ist Identität oder zumindest Identitätsstiftend: Durch Ausdruck wird sichtbar: wer bin ich? Wer zeigt sich denn da? Wer oder was von mir darf denn da sichtbar werden? Ausdruck schafft Konturen – schafft Unterscheidung: ich bin anders als du! Es bringt Inneres nach außen – ohne Ausdruck verlieren wir uns in Anpassung. Perfektion aber glättet, normiert, bricht Ecken und Kanten – und somit Identität. Ausdruck ist Regulation Wir brauchen Ausdruck nicht, weil es kreativ klingt, sondern weil es biologisch notwendig ist. Ausdruck ist ein Grundbedürfnis unseres Nervensystems. Alles was in unserem Inneren bleibt, steckt fest – löst sich nicht einfach auf, nur weil es seinen Weg nicht nach außen findet – nein, ganz im Gegenteil: erst im Ausdruck kann es sich wandeln. Der Körper braucht Bewegung, Form, Rhythmus, Gesten.  Wenn Ausdruck blockiert ist, bleibt die Energie im Körper stecken und führt früher oder später zu Symptomen: körperlich, emotional, rational. Und deshalb ist: ich kann nicht tanzen! Nicht einfach nur der Ausdruck einer vermeintlich fehlenden Fähigkeit. Es ist ein erster und lauter Hinweis darauf, dass Leistung und Funktionalität das Leben bestimmt. Denn, nicht tanzen können, gibt es in dem Sinne, wie ich Tanz in der Tanztherapie verstehe, nicht: körperlicher Ausdruck von dem was gerade ist – wir suchen genau nach dem Gegenteil dessen, was wir landläufig unter Tanz verstehen – das Gegenteil von Perfektion – wir suchen deinen echten Ausdruck.  Perfektion will Kontrolle – Kreativität braucht Hingabe Perfektion will das Ergebnis – Kreativität braucht den Prozess Perfektion arbeitet mit Regeln – Kreativität mit Möglichkeiten Perfektion hält fest – Kreativität bringt in Bewegung Perfektion richtet den Blick nach außen – Kreativität nach innen Perfektion will richtig sein – Kreativität will wahr sein Perfektion trennt – Ausdruck verbindet:  Perfektion wechselt in die Außenperspektive – in die Selbstbeobachtung und (Selbst-) Bewertung: Wie wirkt das, was ich tue/sage/…? Ist es gut genug?  Während Kreativität innerer Ausdruck ist – aus dem was ich in mir spüre, drängt etwas nach außen: was möchte Gestalt annehmen? Sie fragt nicht nach Vergleichbarkeit, denn dann verlierst du wieder dein DU! Und wie oft geht es verloren, nicht wahr? Weil wir glauben, entsprechen zu müssen, gefallen zu müssen, zu müssen, zu müssen, zu müssen. Und wo ist DEIN  WOLLEN??? Lass es uns wieder entdecken – in dir! Lass uns auf die Suche gehen nach deinem Tanz – nach deinem Ausdruck, nach deiner Kreativität: nach deiner Identität! Das ist Tanztherapie.